So 14 Sep 2008
Modernes Digitales Marketing ist eigentlich klassische PR
Posted by Timo Lommatzsch under Allgemein
[8] Comments
Wir hatten ja schon angekündigt, dass wir hier von Zeit zu Zeit auch einige Blogeinträge zu relevanten Themen veröffentlichen wollen. Den Anfang mache ich nun mit etwas, was mir schon länger im Kopf rum geht, nämlich der Tatsache, dass das, was einem heutzutage in manchen Büchern, Magazinartikeln oder Blogeinträgen als neues/modernes Digitales Marketing oder auch Social Media Marketing nähergebracht wird, vom Grundgedanken her klassische PR ist. Ich kann mir vorstellen, dass es für manche Marketingabteilung ein völlig neuer, revolutionärer Gedankengang ist, den Menschen erst zuzuhören und dann auch noch in einen Dialog mit ihnen zu treten und dass ganze zudem wohlmöglich integriert und kongruent zu sonstigen internen und externen kommunikativen Aktivitäten – für die klassische, strategische PR ist das allerdings (eigentlich) ein alter Hut.
Zuhören, wahrnehmen, relevanten Content liefern, Stories finden, Dialoge
führen – Modernes Digitales Marketing ist eigentlich klassische PR
In meinem PR-Studium haben wir uns viel mit der Geschichte, der Entwicklung und den verschiedenen Ansätzen von PR beschäftigt. Dabei besonders relevant für die aktuellen Entwicklungen finde ich unter anderem die Überlegungen zur exzellenten, integrierten Unternehmenskommunikation nach Karin Kirchner. Schon seit Jahrzehnten beschäftigt sich die (strategische) PR damit zu gucken, wer ist da an meiner Marke / meinem Produkt / meinem Unternehmen interessiert, was denken die, was wie wo reden die, wie kann ich an der Diskussion teilnehmen – auch jenseits der Absatzmärkte. Was sind meine Themen, wo haben wir Expertisen jenseits des Offensichtlichen, was sind die Positionen und Gedanken der anderen Bezugsgruppen, welche Issues könnten relevant werden, wie kommuniziert unser Unternehmen auf welchen Kanälen, wie wirkt das auf die unterschiedlichen Stakeholder, wie wird mit den Mitarbeitern kommuniziert, wie kommunizieren die Mitarbeiter wohlmöglich mit anderen Stakeholdern, wie kommen wir mit den unterschiedlichen Stakeholdern nachhaltig ins Gespräch, wie machen wir unsere Positionen am besten verständlich, wie kommunizieren wir glaubwürdig, wie erhalten wir langfristig den Handlungsrahmen für das Unternehmen, wie bauen wir nachhaltige Beziehungen zu den unterschiedlichen Bezugsgruppen auf, wie beeinflusst das unsere Reputation, wie können wir unsere Reputation aktiv gestalten usw. usw. – das alles ist klassische PR.
In der strategischen PR geht es (theoretisch) seit jeher darum, Menschen zuzuhören, sie zu verstehen und mit ihnen Informationen auszutauschen und Gespräche zu führen – im Gegensatz zum klassischen Marketingkommunikationsansatz: auf Absätze und Kunden fokussierte Botschaften zu vermitteln. Eigentlich müsste hier also die Social Media in der Unternehmenskommunikation offene Türen einrennen und mit ihren neuen Möglichkeiten der zwischenmenschlichen Kommunikation als effizienter und effektiver Segen gefeiert werden. Dies findet aber kaum statt, hingegen lese ich immer öfter, wie das Marketing diese „neue Art des Kommunikationsansatzes“ für sich entdeckt. Was ich seit 2 Jahren in Martking2.0-Büchern, Artikeln und einigen Blogs als „Change of Mind“ und neuen Ansatz im Digitalen Marketing lese, sind meiner Ansicht nach zum Großteil klassische strategische PR-Ansatzpunkte zur Stakeholderkommunikation, nur halt mit neuen technischen Möglichkeiten.
Wie seht ihr das?
Verschwimmen in der/durch die Online und Social Media Relations PR und Marketing?
Oder wächst zusammen, was seit jeher zusammen gehört?
Ùnd verschläft die Unternehmenskommunikation hier vielleicht zuweilen Entwicklungen?
8 Responses to “ Modernes Digitales Marketing ist eigentlich klassische PR ”
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Pingback from Creating awareness and trust « About communication
September 17th, 2008 at 11:20[...] back to the classical PR-definition mentioned in the beginning of this post, no matter if PR 2.0, new digital marketing or social [...]
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Februar 9th, 2009 at 10:32[...] Wie wäre es eigentlich, wenn wir “integrierte Kommunikation” endlich als das verstehen und praktizieren, was es (ohne sozialromantische Überinterpretation) im Kern bedeutet, auch und gerade im Kontext von Marketing, Werbung und PR?! [...]

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September 14th, 2008 at 12:53
Hey Timo,
Ich erinnere mich daran, dass ich schon während des Studiums große Schwierigkeiten mit der (imho: willkürlichen) Abgrenzung zwischen PR und anderen Formen der Organisationskommunikation hatte – und dies auch öfter zum Ausdruck brachte.
In Marketing-Kursen (mit der Kotler’schen Bibel) habe ich gelernt, dass PR ein Teilbereich der Kommunikationspolitik ist, die wiederum einen Teilbereich des Marketing-Mix darstellt. Danach ist PR also ein Marketing-Instrument unter vielen anderen. In PR-Kursen hingegen waren PRler nette Beziehungspfleger (meist Frauen), die nichts mit den vertriebsorientierten Marketing-Fuzzis gemein hatten. Vertriebsorientierte Kommunikation war dort plötzlich die Aufgabe der bösen Werber und Direktmarketer, die den Kunden schlechte Produkte zu überhöhten Preisen aufschwatzen wollen. Ich hatte den Eindruck, in dieser Rolle gefielen sich die PRler nicht zuletzt, weil sie damit dem Evaluationszwang entkamen (mit dem Argument, das ich nicht mehr hören kann: “Beziehungen lassen sich nicht messen”).
Einen derartigen (wenn auch abgeschwächten) esoterischen Streit zwischen Marketern/Werbern und PRlern nehme ich bis heute wahr. Vielleicht mag er der berufständischen Onanie dienen, aber darüber hinaus halte ich ihn für sinnlos. Ganzheitliche/integrative/wasauchimmer Organisationskommunikation – das ist doch auch euer Ansatz bei MVL, und alles andere macht nun spätestens seit dem Web 2.0 endgültig keinen Sinn mehr.
So, und für alle Oldschool-Kunden nehmt ihr nun am besten die Schlagwörter “Digitales Marketing” und “Marketing 2.0″ in euer Portfolio auf!
Und: Schön, dass ihr nun auch bloggt!
Beste Grüße,
Michael
September 14th, 2008 at 21:18
@Michael: Ich hatte ja auch das Vergnügen in meiner Ausbildung die von dir beschriebene Marketingsicht der Dinge vorgebetet zu bekommen, nur um in meinem Studium dann die PR / Kommunikationsstrategische Einordnung präsentiert zu bekommen.
“Einen derartigen (wenn auch abgeschwächten) esoterischen Streit zwischen Marketern/Werbern und PRlern nehme ich bis heute wahr. Vielleicht mag er der berufständischen Onanie dienen, aber darüber hinaus halte ich ihn für sinnlos.”
Fakt ist, und deshalb auch immer wieder die Definitionskonflikte und „Grabenkämpfe“: irgendwie müssen die unterschiedlichen kommunikativen Aktivitäten strategisch und in Prozessen und Verantwortlichkeiten organisiert in Abteilungen im Unternehmen erledigt werden und auf einem strategischen kommunikativen Grundverständnis fußen. Und da haben sich PR und Marketingkommunikation doch stellenweise in Strategie und Umsetzung sehr unterschieden bzw. tun dies immer noch. Das macht(e) auch Sinn, weil sie teilweise ganz andere kommunikative Ziele verfolgten und zuweilen mit unterschiedlichen Zielgruppen sprachen, denke ich. Und genau das ist jetzt eine spannende Sache, wie ich finde, die durch das Internet zuerst und nun beschleunigt durch das Social Web zu einer neuen Annäherung und einem neuen Diskurs der kommunikativen Disziplinen führen sollte/könnte/müsste. Denn die Meinungsmärkte verschwimmen, die Kommunikationsdisziplinen bekommen neue Tools und Kanäle und entdecken neue (und wie ich schrieb ja teilweise altbekannte) strategische Kommunikationsansätze für sich. Und doch hört man zuweilen immer noch Dinge wie:“Ja ne, die Homepage wird vom Marketing betreut, da haben wir keinen Zugriff…“ oder „Leider ist das Blog komplett in der Hand vom Marketing“
“Ganzheitliche/integrative/wasauchimmer Organisationskommunikation –… alles andere macht nun spätestens seit dem Web 2.0 endgültig keinen Sinn mehr.”
Genau das ist der Punkt, da wollte ich drauf hinaus – unter anderem. Das bedeutet aber, glaube ich, für einige Unternehmen ein gravierendes Umdenken und eine einschneidende Umstrukturierung der Prozesse und Abteilungen. Und genau dazu passend wird es hier demnächst ein Interview mit Shel Holtz geben. Social Media Engagement von Unternehmen – wer sollte sich im Unternehmen darum kümmern?
“Beziehungen lassen sich nicht messen”
ha, und wie die sich messen lassen, aber hallo! Sind doch alles nur Ausflüchte!
September 15th, 2008 at 14:43
Hallo Timo,
Ich denke (was deine Fragen betrifft), dass das, was wir nun im Social Web erleben, die konsequente Umsetzung des Stakeholder-Ansatzes (siehe dazu z.B. Karmasin oder Post/Preston und Sachs) ist. Die Theorie rund um die integrierte Kommunikation (Bruhn, Kirchner e.a.) hat ja ihren Platz, und ist eine gute Basis. Vor allem die Zusammenführung (und da haben wir auch schon eine Antwort auf oben gestellte Fragen) der drei Bereiche interne Kommunikation, Marktkommunikation (alias Marketing) und Public Relations unter EINEM Verantwortungsbereich, wie es das Konzept der integrierten Kommunikation vorschlägt, erscheint sehr sinnvoll.
Bruhn e.a. greifen aber nicht (mehr) weit genug. Der Stakeholder-Ansatz bringt uns da schon näher an die aktuellen Entwicklungen ran. Im Zentrum des Stakeholder-Ansatzes steht z.B. der Paradigmenwechsel von der Ziel- zur Anspruchsgruppe (also hin zu den Stakeholdern)
konkreter heißt das:
von Monolog -> Dialog
von Persuasion -> Legitimation
von Massenkommunikation -> Medienkommunikation
von reaktiv, defensiv -> proaktiv
klingt doch alles eigentlich sehr nach Marketing und pr 2.0, oder?
zu deiner 2. Frage: ja. (glaube ich)
Viele werden vielleicht aufschreien, und sagen:”Jössas, PR und Marketing zusammen? Oh Schreck…
Aber schauen wir uns doch all die Tools an, die den Kommunikatoren (ob Profis oder nicht) zur Verfügung stehen…und werfen nochmal einen Blick auf das Cluetrain Manifesto…
PR und Marketing wachsen zusammen, und den Prosumer wird es nicht stören, denn die ‘conversations’ passieren überall (im Netz). und darum ist die wahrscheinlichkeit auch nicht mehr so groß durch das Marketing oder die PR (komplett) verarscht zu werden.
So, das war nun ein Minimalstreifzug durch meine Diplomarbeit, an der ich gerade arbeite
September 15th, 2008 at 15:42
Modernes digitales Marketing… ist für mich eine Teilmenge (transaktions-/absatzorientiert) von Public Relations. Die ich wiederum ganzheitlich / integrativ und strategisch unterbaut sehe.
Gerade durch mein aktuelles PR-Studium mit einem derzeit noch hohen Theorieanteil stelle ich bei dem ganzen “theoretischen Zeug” fest, dass die Praxis oft hinterherhinkt und es deswegen auch ein Leichtes ist, Social Media et. al. als neu darzustellen bzw. zu verkaufen.
Sehe ich auch so: Alter Wein in neuen Schläuchen, aber die neuen Schläuche verlangen auch nach richtig gutem Wein
PR und Marketing verschwimmen zunehmend in der Praxis. Von daher wächst endlich zusammen, was zusammen gehört. Andererseits gibt es sicherlich noch einige Unternehmen, die Entwicklungen verschlafen. Vielleicht, weil sie einfach jetzt Stakeholder sagen, aber immer noch Zielgruppen meinen. In den Dialog mit Anspruchsgruppen zu treten wird dann im Wesentlichen immer noch auf Investoren, ausgewählte Journalisten, Wirtschaftsverbände und die Politik beschränkt – am besten via F2F am Kamin und auf Konferenzen.
September 15th, 2008 at 16:58
@Andreas:
Super! Da bin ich aber sehr gespannt auf deine Diplomarbeit!
@Frank:
Modernes digitales Marketing… ist für mich eine Teilmenge (transaktions-/absatzorientiert) von Public Relations.
Huh, das lass ma nicht die Marketingabteilung hören
PR und Marketing verschwimmen zunehmend in der Praxis. Von daher wächst endlich zusammen, was zusammen gehört. Andererseits gibt es sicherlich noch einige Unternehmen, die Entwicklungen verschlafen. Vielleicht, weil sie einfach jetzt Stakeholder sagen, aber immer noch Zielgruppen meinen. In den Dialog mit Anspruchsgruppen zu treten wird dann im Wesentlichen immer noch auf Investoren, ausgewählte Journalisten, Wirtschaftsverbände und die Politik beschränkt – am besten via F2F am Kamin und auf Konferenzen.
Das unterschreibe ich so! Und ergänze das wiederum manche Unternehmen halt unter PR leider nur Press Relations und vielleicht noch Lobbying zu verstehen scheinen und sich (hoffentlich) zunehmend wundern, was denn da draußen (Online) auf einmal los ist.
April 29th, 2010 at 11:59
Natürlich ist das alles klassische PR. Nur die Definition ist ein bisschen verändert! Komisch auf jeden Fall, meine ich.